Schjelderup: Ein vergessener Norweger

Stellt man die Frage, wer eigentlich in der Generation nach Grieg das norwegische Musikleben stilbildend als repräsentativer Nationalkomponist geprägt hat, wird man lang ins Grübeln verfallen. Auf Schjelderup und Hjalmar Borgström wird jedenfalls kaum einer kommen. Und doch waren diese beiden um 1900 die bestimmenden musikalischen Figuren im damaligen Kristiania (heute Oslo). Zusammen mit dem hervorragenden Sinfonieorchester aus Trondheim und seinem Chefdirigenten Eivind Aadland wird cpo diese »Leerstelle« durch spannende Neu- und Ersteinspielungen füllen. Als erster also Schjelderup, der mit seinem großangelegten symphonischen Drama »Brand« nach Ibsen ein meisterhaftes instrumentales Psychogramm und Seelendrama geschaffen hat. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Titelheld Brand mit seinem inneren Ringen um Moral und Religion.

  • Gerhard Schjelderup (1859–1933)
  • Symphonie Nr. 2; Symphonisches Drama »Brand«
  • Trondheim SO, Eivind Aadland
  • CD 2482341

Herzogenberg · Minguet Quartett Vol. 2

Auch Vol. 2 vereint zwei Meisterwerke Herzogenbergs, die sein kompositorischen Einfallsreichtum zeigen. »Diese Novität ist zweifellos eines der bedeutendsten Werke, wenn nicht gar als das beste, zu bezeichnen, welche dieser Componist geschrieben hat«, schrieb ein Rezensent 1893 über das Streichquintett op. 77. Die Entstehung des Werks war indes verbunden mit dem Tod von Herzogenbergs Ehefrau, der den Komponisten aber nicht resignieren ließ. Er stürzte sich in seine Arbeit und komponierte ein bewegtes Quartett mit einer ebenso anrührenden wie satztechnisch anspruchsvollen Liebesbekundung. Das Streichquartett op. 18 des jungen Herzogenberg ist »im Quartettsatz wie geboren, das Andante enthält aber ein paar besondere Prachtstellen in dieser Beziehung« – resümierte Hermann Kretzschmar im Musikalischen Wochenblatt.

  • Heinrich von Herzogenberg (1843–1900)
  • Streichquartette Vol. 2
  • Minguet Quartett (Mit Peter Langgartner, 2. Viola)
  • CD 1624311

Théodore Gouvys Spätwerke

Diesen Monat setzen wir unsere Gouvy-Edition mit sinfonischen Spätwerken des deutsch-französischen Komponisten fort. Die Sinfonietta entstand 1885 in glücklichster Zeit: »Mir geht’s wie einem Rekonvaleszenten, der nach vielmonatlichem Fasten sich gar nicht mehr satt essen kann.« Die Komposition atmet eine lichte Atmosphäre, die an die gleichfalls klassizistisch getönte 2. Sinfonie von Brahms in derselben Tonart erinnert. Wie dieser komponiert Gouvy im ersten Satz der Sinfonietta ein freundliches Naturidyll. Mit seiner letzten Sinfonie, der Sechsten betritt Gouvy anderes Terrain: Feierliche Tuttiklänge, gedämpfte Paukenschläge und eine modal getönte Melodie beschwören in der Einleitung eine mittelalterliche Szenerie. Ein klingender Bilderbogen ist denn auch das ganze Werk.

  • Louis Theodore Gouvy (1819–1898)
  • Symphonien Vol. 2
  • Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Jacques Mercier
  • CD 1842290

Epoca Barocca & Schaffrath II

Der Sachse Schaffrath war Organist, Cembalist und Komponist zahlreicher wertvoller Instrumentalwerke und die Kammermusik, die eine unglaubliche satztechnische Vielfalt aufzeigt, wurde zum Kernpunkt seines Schaffens. Auf der vorliegende Schaffrath-CD vereint der Komponist verschiedene Kompositionen für nur zwei Instrumente und stellt das kontrapunktische Grundprinzip der Triosonate als eine Art ideelles Zentrum dar, denn der Oberbegriff »Duetti« bezieht sich hier auf Werke unterschiedlicher Faktur und Besetzung. Um ein Duo im engeren Sinne handelt es sich beim Duetto d-moll für zwei Gamben. Die übrigen Sonaten beziehen allesamt das Cembalo ins kammermusikalische Spiel mit ein, und zwar ausnahmslos als »obligates« Element. Damit wird die Oberstimme des Cembalos selbst Melodieträger.

  • Christoph Schaffrath (1709–1763)
  • Kammermusik Vol. 2
  • Epoca Barocca
  • CD 5505401

Michael Haydn … nun endlich komplett

»Und die Musikwissenschaft lebt doch!« Zu diesem Fazit kommt man zwingend, wenn man die Veröffentlichungsgeschichte unserer Michael-Haydn-Sinfonienedition verfolgt. Immer wenn eine verlorengeglaubte der 41 Sinfonien auftauchte, wurde sie sofort produziert. Das braucht seine Zeit. In dieser Zeit wechseln künstlerische Konstellationen wie Orchester und Dirigenten. Also macht man aus der Not der wechselnden Besetzungen eine Tugend. Voilà: Wir sind auf der Zielgeraden: Neun noch fehlende Sinfonien wurden von Frank Beermann und der Deutschen Kammerakademie Neuss (Kontinuität!) fulminant eingespielt. Sie geben einen Einblick in die gesamte Schaffensperiode des jüngeren Haydn-Bruders und zeigen wieder einmal, wie einfallsreich, experimentierfreudig und voll musikalischen Humors er war. Dass der junge Mozart sich immer wieder an ihm orientierte und ihn sich zum Vorbild nahm, ist da kein Wunder.

  • Michael Haydn (1737–1806)
  • Symphonien Nr. 14, 17, 19, 24, 29, 33, 40, 41; Symphonie F-Dur P.deest; Märsche P. 59, 62, 64
  • Deutsche Kammerphilharmonie Neuss, Frank Beermann
  • 2 CDs 2467961

Musik am Rande des Schweigens

2008 wurde das dritte Klaviertrio von Sveinsson durch das Hyperion-Trio uraufgeführt. Der wohl bedeutendste lebende Komponist Islands widmete dieses Werk auch den Künstlern, die sich als herausragende Interpreten seiner Musik erwiesen. Und so konnten für die Einspielung der drei Trios keine idealeren Künstler gefunden werden. Durch das Aufeinanderprallen von Extremen, stärksten Kontrasten und vielfältiger Dynamik zeigen sich die Trios sowohl spannungsreich, aber auch »in sich ruhend« oder wie es die Künstler besser ausdrücken: »In Sveinssons Musik können wir der Ewigkeit begegnen – als einem Gegenüber – und eine Zeitlang an ihr teilhaben. Seine Musik etabliert einen Schwebezustand der Zeitlosigkeit. Man fühlt sich aufgehoben in einem überbewußten Zustand großer Zufriedenheit und Gelassenheit, denn man empfindet für Minuten ein Sein ohne Zeit.«

  • Atli Heimir Sveinsson (geb. 1938)
  • Klaviertrios Nr. 1–3
  • Hyperion-Trio
  • CD 1424013

Neue Hör- und Entdeckerfreuden wünscht Ihnen Burkhard Schmilgun

Kloses »Ilsebill«

Der Untertitel »Das Märlein von dem Fischer und seiner Frau« weist auf das bekannte Grimmsche Märchen hin. Die Oper jedoch weicht in einigen Elementen von der Märchenvorlage ab. Die Fischersfrau Ilsebill strebt stets nach Höherem und möchte schließlich sogar Gott sein, was dazu führt, dass Fischerin und Fischer zu guter Letzt nach einer Naturkatastophe – einem musikalisch reinigenden Gewitter – wieder in ihrem Baumstamm am See wohnen.

In »Ilsebill« hat die Musik die Vorherrschaft. Darauf deutet schon Kloses Bezeichnung »dramatische Symphonie« hin. Der Neuromantiker Klose wurde vor allem für seine originelle Orchestrierung und Instrumentation bewundert. Nach der Uraufführung 1903 erhielt »Ilsebill« viel Anerkennung und Lob. Wagners Einfluss ist mitunter unverkennbar, aber dennoch ist die Musik mit ihrem der Handlung entsprechenden traumhaften Charakter selbst bei den mächtigsten Natur-Kraftentfaltungen nie gewalttätig und bietet selbstständige und prägnante Wendungen und Art der Steigerungen.

  • Friedrich Klose (1862–1942)
  • Ilsebill
  • Norbert Schmittberg, Sabine Türner, Jaroslaw Sielicki, Chöre des Theater Aachen, Aachen SO, Marcus Bosch
  • 2 CDs (Shop)

Ein typisches Grenzschicksal

1819 wurde er als preußischer Bürger in einem Vorort bei Saarbrücken namens Goffontaine geboren. Zwischen Polen, Deutschland und Frankreich spielte sich denn auch sein weiteres künstlerisches Leben ab. Als Gouvy starb, wurde er in Deutschland für einen Franzosen und in Frankreich für einen Deutschen gehalten. Seltenheit dürfte auch haben, dass er sowohl Mitglied im »Institut des Beaux Arts« als auch in der »Preußischen Akademie der Künste« war: Deutsch-französische Freundschaft in personam. Jedoch ging Gouvy der in Frankreich allein gültigen Gattung der Oper konsequent aus dem Weg und komponierte vornehmlich Sinfonien. Diese wurden allerdings in Deutschland sehr geschätzt: Kein anderer ausländischer Komponist wurde in den 1850er Jahren in Leipzig so häufig gespielt wie Gouvy.

  • Louis Théodore Gouvy (1819–1898)
  • Symphonie Nr. 3 C-Dur op. 20; Symphonie Nr. 5 B-Dur op. 30
  • Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Jacques Mercier
  • CD (Shop)

Grauns Große Passion

Neben 28 Opern hinterließ der preußische Hofkapellmeister C. H. Graun noch eine große Zahl von Kirchenmusik, von der vor allem seine erfolgreiche Passionskantate »Der Tod Jesu« eine weite Verbreitung fand und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder aufgeführt wurde. Vorher hatte Graun aber bereits drei weitere Passionen komponiert, u. a. die in Wolfenbüttel um 1730 entstandene Passion »Kommt her und schaut«, deren Umfang von 66 Nummern ihr den Titel »Große Passion« eintrug. Dieses Werk zeigt durch eine enorme Vielfalt der Formen, Besetzungen und Satztypen sowie durch eine intensive innere Dynamik die erstaunliche Reife des damals ungefähr 25-jährigen Komponisten und rechtfertigt, »Kommt her und schaut« als ein Meisterwerk der norddeutschen Passionskantate zu bezeichnen.

  • Carl Heinrich Graun (1703–1759)
  • Große Passion (Graun WV B: VII: 5)
  • Veronika Winter, Hilke Andersen, Markus Schäfer, Ekkehard Abele, Rheinische Kantorei, Das Kleine Konzert, Hermann Max
  • 2 CDs (Shop)

Weingartners Hommage an Schubert

Seine sechste Sinfonie schrieb Felix Weingartner 1928, dem Jahr also, in dem in großem Maße des 100. Todestages Franz Schuberts gedacht wurde. Schubert war für ihn immer ein Fixstern gewesen und klarer (und früher) als manch Anderer hat er die tragische Seite und Größe des oft als harmloser, idyllischer Liedsänger missverstandenen Komponisten erkannt. So schrieb er einmal vom »tragischen Antlitz« Schuberts, »im Sinne eines Kindes, das aus einer höheren Welt auf unsere Erde gefallen ist und sich hier nicht zurechtfinden, aber auch nicht klar erkennen kann, warum es sich nicht zurechtfindet.«

Weingartner schrieb eine Schubert-Würdigung in Form einer Sinfonie: »Ich sah Schubert einsam dahinschreiten und mit schmerzlichem Ausdruck auf seine geliebte Vaterstadt herniederblicken: Habe ich meinen ganzen Reichtum über euch ausgeschüttet, damit ihr mich so feiert? Und da begann es zu klingen. Zuerst wusste ich nicht, was es werden solle. Dann formte es sich allmählich, bis es eine viersätzige Symphonie wurde.«

  • Felix Weingartner (1863–1942)
  • Symphonie Nr. 6 op. 74 »La Tragica«; Frühling op. 80
  • Sinfonieorchester Basel, Marko Letonja
  • Sound: stereo und multichannel (Hybrid)
  • SACD (Shop)

Telemann, Bläserkonzerte Vol. 4

Die fünf Werke der vierten Folge sämtlicher Bläserkonzerte zeigen uns Telemann auf der Höhe seiner Meisterschaft als Konzertkomponist: Alle Kompositionen bieten originelle Lösungen der Problemstellung, eine melodiegesättigte und ungezwungen fließende, dabei aber ausdrucksstarke und satztechnisch anspruchsvolle Konzertmusik zu schaffen, die sich von den italienischen Vorgaben des dreisätzigen Solokonzerts deutlich emanzipiert. Die Konzerte sind in enger zeitlicher Nachbarschaft entstanden und weisen trotz stilistischer Geschlossenheit verschiedene Stilelemente in Richtung Frankreich, Polen sowie Anlehnungen an Naturklänge und pastorale Grundstimmungen auf.

  • Georg Philipp Telemann (1681–1767)
  • Konzert für 2 Blockflöten, Streicher, Bc TWV 52:a2; Konzert für Traversflöte, Streicher, Bc TWV 51:D2; Konzert für Oboe d’amore, Streicher, Bc TWV 51:A2; Konzert für 2 Traversflöten, Fagott, Streicher, Bc TWV 53:h1; Oboenkonzert TWV 51:e1
  • La Stagione Frankfurt, Michael Schneider
  • CD (Shop)

Neues von Louise Farrenc

Kurz nach ihrer ersten Symphonie komponierte Farrenc ihr erstes Klaviertrio, das sie selbst als Pianistin zusammen mit zwei Kollegen aufführte. Wie in allen ihren Kammermusikwerken ist der Klavierpart sehr anspruchsvoll. Das Trio steckt voller Energie, Dynamik und überraschender Details. In dem dritten Klaviertrio ist die Violine durch eine Klarinette bzw. eine Flöte ersetzt, und es ist eines der wenigen Werke, die in der zeitgenössischen Fachpresse gewürdigt wurden: »Reinheit des Stils, formale Perfektion, Anmut und Eleganz«. Auch das Sextett ist enorm reich an musikalischen Einfällen, und stellt das früheste Beispiel für die Besetzung mit Klavier und Bläserquintett dar. Die Flöte vervollständigt die Bläsergruppe zum Quintett, sodass dem Klavier eine eigenständige Klanggruppe gegenübersteht.

  • Louise Farrenc (1804–1875)
  • Sextett op. 40 für Klavier und Bläserquintett; Klaviertrio Es-Dur op. 33 Nr. 1; Trio Es-Dur op. 44 Nr. 3 für Klavier, Klarinette, Violine
  • Linos Ensemble
  • CD (Shop)
  • Neue Hör- und Entdeckerfreuden wünscht Ihnen Burkhard Schmilgun